Lernziele im Unterricht - Was es braucht, damit Kinder wirklich lernen
Lernziele: Warum Kinder oft fleissig arbeiten und trotzdem nicht lernen, was wir eigentlich beabsichtigen
Es ist Freitagmittag. Die Mathematiklektion ist vorbei. Die Kinder packen ihre Sachen zusammen, erste Gespräche beginnen bereits und die Vorfreude auf das Wochenende liegt spürbar in der Luft.
Du stellst zum Abschluss eine einfache Frage:
«Was habt ihr heute gelernt?»
Ein Kind zeigt auf das Arbeitsblatt. Ein anderes nennt die Seitenzahl im Lehrmittel. Ein drittes sagt:
«Mathe.»
Und für einen kurzen Moment fragst du dich, ob die Kinder aus dieser Lektion wirklich das mitnehmen, was du eigentlich vermitteln wolltest.
Diese Situation kennen viele Lehrpersonen. Die Kinder waren beschäftigt. Sie haben gerechnet, geschrieben, markiert, diskutiert und Aufgaben gelöst. Von aussen betrachtet lief alles gut. Und trotzdem bleibt manchmal das Gefühl zurück, dass zwischen dem, was wir unterrichtet haben, und dem, was tatsächlich gelernt wurde, eine Lücke besteht.
Genau hier lohnt sich ein Blick auf Lernziele.
Nicht als Pflichtübung für Unterrichtsbesuche. Nicht als Satz, der irgendwo an der Wand hängt. Und auch nicht als weiterer Punkt auf einer ohnehin langen To-do-Liste.
Ein Lernziel beschreibt, was Schülerinnen und Schüler nach einer Lektion oder einer Lernphase wissen, verstehen oder selbstständig tun können sollen. Es richtet den Blick damit nicht auf die bearbeitete Aufgabe, sondern auf das, was durch diese Aufgabe gelernt werden soll.
Lernziele sind vor allem eines: ein Kompass. Sie helfen Kindern zu verstehen, wohin sie unterwegs sind, worauf sie achten sollen und woran sie erkennen können, dass sie Fortschritte machen.
Lies weiter und erfahre, warum Kinder trotz fleissiger Arbeit manchmal nicht das lernen, was beabsichtigt war und wie verständliche Lernziele, klare Erfolgskriterien und sichtbare Fortschritte das Lernen verändern können.
Kinder brauchen nicht zuerst Motivation. Sie brauchen Orientierung.
Wenn wir mit Kindern wandern gehen würden, käme vermutlich niemand auf die Idee, einfach loszulaufen und zu sagen: «Vertraut mir. Irgendwann kommen wir schon irgendwo an.» Kinder möchten wissen, wohin die Reise geht. Sie möchten verstehen, weshalb sich der Weg lohnt und woran sie erkennen können, dass sie ihrem Ziel näherkommen.
Beim Lernen ist das nicht anders.
Genau deshalb taucht in der Bildungsforschung immer wieder ein Begriff auf, der eng mit Lernzielen verbunden ist: Teacher Clarity. Gemeint ist die Klarheit, mit der Lehrpersonen sichtbar machen, was gelernt werden soll, weshalb dieses Lernen wichtig ist und woran Erfolg erkannt werden kann.
John Hattie zählt diese Klarheit zu den wirksamsten Merkmalen erfolgreichen Unterrichts. Kinder lernen erfolgreicher, wenn sie verstehen, was das Ziel ihres Lernens ist. Dabei geht es nicht darum, Lernziele möglichst schön zu formulieren. Entscheidend ist vielmehr, ob die Lernenden tatsächlich verstehen, worauf sie hinarbeiten.
Diese Unterscheidung scheint klein zu sein. In der Praxis macht sie jedoch einen enormen Unterschied.
Der grösste Irrtum über Lernziele
Viele Lehrpersonen kennen Lernziele vor allem als festen Bestandteil ihrer Planung. Das Lernziel wird formuliert, angeschrieben und am Anfang der Lektion vorgestellt. Damit scheint der Auftrag erfüllt. Doch genau hier beginnt häufig das Missverständnis. Ein angeschriebenes Lernziel ist noch kein verstandenes Lernziel.
Wenn auf der Tafel steht:
Ich kann Informationen aus Sachtexten entnehmen.
dann verstehen Erwachsene sofort, was gemeint ist. Für viele Kinder bleibt dieser Satz jedoch abstrakt.
Ganz anders klingt:
Ich kann einen Text lesen und die wichtigsten Informationen herausfinden.
Plötzlich entsteht ein Bild. Das Kind kann sich vorstellen, was es tun soll. Es weiss, worauf es achten kann. Das Lernen wird greifbarer.
Douglas Fisher und Nancy Frey, die sich intensiv mit Teacher Clarity beschäftigt haben, beschreiben genau diesen Schritt als zentral. Lernziele entfalten ihre Wirkung nicht dann, wenn sie sichtbar sind, sondern dann, wenn sie verstanden werden.
Vielleicht ist das einer der wichtigsten Gedanken überhaupt:
Kinder müssen Lernziele nicht lesen können. Sie müssen sie verstehen können.
Das Problem bei Lernzielen: Vielleicht sprechen wir zu oft über Aufgaben und zu wenig über Lernen
Viele Kinder können nach einer Lektion erstaunlich genau beschreiben, was sie gemacht haben.
- Sie wissen, welche Seite sie bearbeitet haben.
- Sie erinnern sich an die Aufgaben im Arbeitsheft oder an das Experiment, das durchgeführt wurde.
Was oft schwieriger fällt, ist die Antwort auf eine andere Frage:
«Was kannst du jetzt besser als vorher?»
Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen Aktivität und Lernen. Aktivitäten sind sichtbar. Lernen ist unsichtbar.
Eine Aufgabe ist nicht das Lernziel.
Ein Arbeitsblatt ist nicht das Lernziel.
Eine Seite im Lehrmittel ist nicht das Lernziel.
All diese Dinge sind Wege.
Das Lernziel beschreibt die Richtung.
Vielleicht kennst du das Gefühl, eine kreative und abwechslungsreiche Lektion geplant zu haben. Die Kinder arbeiten engagiert mit, die Stimmung ist positiv und alles scheint zu funktionieren. Und trotzdem bleibt am Ende die Frage: Was genau sollten die Kinder heute eigentlich lernen?
Lernziele helfen uns, den Blick immer wieder auf diese Frage zurückzulenken.
Gute Lernziele beschreiben Lernen auf unterschiedlichen Ebenen
Vielleicht hast du schon einmal zwei Lernziele miteinander verglichen und festgestellt, dass sie völlig unterschiedliche Denkprozesse verlangen.
- Ein Kind soll die Planeten unseres Sonnensystems aufzählen.
- Ein anderes soll beurteilen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf verschiedene Lebensräume hat.
Beides sind Lernziele. Doch sie bewegen sich auf unterschiedlichen Ebenen.
Genau hier hilft die Taxonomie von Bloom.
Der Bildungsforscher Benjamin Bloom beschäftigte sich mit der Frage, welche Arten von Denken Schule fördern sollte. Seine Taxonomie wurde später weiterentwickelt und gehört heute zu den bekanntesten Modellen für die Planung von Unterricht. Sie erinnert uns daran, dass Lernen weit mehr ist als das Auswendiglernen von Wissen.
Manchmal sollen Kinder Informationen wiedergeben können. Manchmal sollen sie etwas erklären, anwenden, analysieren oder bewerten. Und manchmal sollen sie etwas Eigenes erschaffen.
Die sechs Ebenen lassen sich vereinfacht so beschreiben:
Erinnern: Ich kann Wissen wiedergeben.
Verstehen: Ich kann etwas mit eigenen Worten erklären.
Anwenden: Ich kann Wissen in einer neuen Situation nutzen.
Analysieren: Ich kann Zusammenhänge erkennen und vergleichen.
Bewerten: Ich kann begründet Stellung nehmen.
Erschaffen: Ich kann etwas Eigenes entwickeln.
Bloom erinnert uns daran, dass Lernen nicht beim Wissen endet. Schule soll Kinder dabei unterstützen, zu denken, Zusammenhänge zu erkennen, Entscheidungen zu treffen und eigene Ideen zu entwickeln.
Vielleicht liegt genau darin eine ihrer wichtigsten Aufgaben.
Erfolgskriterien machen Lernen sichtbar
Selbst ein gutes Lernziel beantwortet erst die halbe Frage. Es sagt Kindern, was sie lernen sollen. Es sagt ihnen jedoch noch nicht, woran sie erkennen können, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Genau deshalb spielen Erfolgskriterien eine so wichtige Rolle.
Die Bildungsforscherin Shirley Clarke beschreibt Erfolgskriterien als Brücke zwischen Unterricht und Lernerfolg. Sie helfen Kindern dabei, die oft abstrakten Lernziele in konkrete Schritte zu übersetzen.
Nehmen wir folgendes Beispiel:
Lernziel:
Ich kann eine spannende Geschichte schreiben.
Viele Kinder wissen nun, wohin sie unterwegs sind. Trotzdem bleibt die Frage offen, worauf sie achten sollen.
Erfolgskriterien schaffen Klarheit:
Meine Geschichte hat einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss.
Die Figuren haben Gefühle oder Gedanken.
Die Handlung ist verständlich.
Die Lesenden können der Geschichte gut folgen.
Plötzlich wird sichtbar, was Qualität bedeutet. Kinder können ihre Arbeit selbst überprüfen und erkennen, welche nächsten Schritte sinnvoll sind.
Kinder lernen stärker, wenn sie ihren Fortschritt sehen
Vielleicht kennst du Kinder, die häufig sagen:
«Ich kann das nicht.»
Oft steckt dahinter nicht mangelnde Fähigkeit, sondern mangelnde Sichtbarkeit von Fortschritten.
Kinder erleben ihren Lernweg häufig als eine Aneinanderreihung von Aufgaben. Sie sehen selten, wie weit sie bereits gekommen sind.
Deshalb betonen Forschende wie John Hattie, Dylan Wiliam oder Shirley Clarke immer wieder die Bedeutung von Rückmeldungen und sichtbaren Lernfortschritten.
Wenn Kinder erkennen, dass ihnen heute etwas gelingt, das vor einigen Wochen noch schwierig war, verändert sich etwas. Sie erleben, dass Lernen Entwicklung bedeutet. Sie erkennen, dass Anstrengung Wirkung zeigt.
Genau hier entsteht Selbstwirksamkeit.
Und genau hier entsteht oft auch Motivation.
Die Verbindung zu selbstgesteuertem Lernen
In vielen Schulen sprechen wir heute über Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und selbstgesteuertes Lernen.
Das sind wichtige Ziele.
Manchmal erwarten wir jedoch Selbststeuerung, bevor Orientierung vorhanden ist.
Ein Kind kann sein Lernen kaum steuern, wenn es nicht weiss, was es lernen soll. Es kann keine Verantwortung für seinen Lernprozess übernehmen, wenn Erfolg nicht sichtbar wird. Und es kann seinen nächsten Schritt kaum planen, wenn das Ziel unklar bleibt.
Selbstgesteuertes Lernen beginnt deshalb nicht mit Freiheit.
Selbstgesteuertes Lernen beginnt mit Klarheit.
Was bedeutet das konkret für den Unterricht?
Vielleicht braucht es weniger Veränderungen, als wir oft denken.
Vielleicht genügt es bereits, wenn wir häufiger Fragen stellen wie:
Was soll heute am Ende besser gelingen als gestern?
Woran werden wir erkennen, dass wir Fortschritte gemacht haben?
Wie würdest du das Lernziel mit deinen eigenen Worten erklären?
Was kannst du heute, das dir letzte Woche noch schwergefallen ist?
Solche Fragen verändern den Fokus. Plötzlich steht nicht mehr die Aufgabe im Zentrum, sondern das Lernen selbst.
Ebenso hilfreich kann es sein, Lernziele gemeinsam mit den Kindern zu entschlüsseln. Statt ein Ziel einfach vorzulesen, könnten wir fragen:
«Was bedeutet dieses Ziel eigentlich?»
«Wie würden wir es einem anderen Kind erklären?»
«Woran würden wir merken, dass wir es erreicht haben?»
Oft entstehen genau in diesen Gesprächen die wertvollsten Lernmomente.
Vom Lernziel zum Lerngespräch
Ein Lernziel wird erst dann wirklich wirksam, wenn Kinder verstehen, was sie lernen sollen, wo sie gerade stehen und welcher nächste Schritt für sie sinnvoll ist. Genau dabei helfen gute Lerngespräche.
Sie lenken den Blick weg von erledigten Aufgaben und hin zum tatsächlichen Lernen. Gleichzeitig helfen sie dir, Verhalten besser einzuordnen und Kinder gezielter zu begleiten.
In unserem kostenfreien Live-Workshop lernst du die fünf zentralen Elemente kennen, mit denen du Lerngespräche klarer führst und Entwicklung wirksam unterstützt.
Die Pädagogik+ Perspektive
Wenn wir über Motivation sprechen, suchen wir oft nach spannenderen Methoden, kreativeren Materialien oder abwechslungsreicheren Aktivitäten.
Manchmal liegt die Lösung an einer ganz anderen Stelle.
Viele Motivationsprobleme sind in Wirklichkeit Orientierungsprobleme.
Kinder arbeiten engagierter, wenn sie wissen, worauf sie hinarbeiten. Sie übernehmen mehr Verantwortung, wenn sie ihren Fortschritt erkennen. Und sie entwickeln mehr Selbstvertrauen, wenn sie erleben, dass Lernen kein Zufall ist, sondern ein Weg mit sichtbaren Schritten.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen:
«Welche Aufgabe machen wir heute?»
Und häufiger:
«Was soll heute am Ende besser gelingen als gestern?»
Denn Kinder lernen nicht motivierter, weil sie mehr arbeiten.
Kinder lernen motivierter, wenn sie verstehen, worauf sie hinarbeiten.
Und manchmal verändert ein einziges gut verstandenes Lernziel mehr als zehn zusätzliche Arbeitsblätter.
Reflexionsfragen für Lehrpersonen
Könnten meine Schülerinnen und Schüler das Lernziel mit eigenen Worten erklären?
Wissen sie, warum dieses Lernen wichtig ist?
Wissen sie, woran Erfolg erkennbar wird?
Spreche ich während der Lektion mehr über Aufgaben oder über Lernen?
Können die Kinder ihren eigenen Fortschritt wahrnehmen?
Manchmal braucht es keinen neuen Unterrichtsansatz, keine zusätzliche Methode und kein weiteres Arbeitsblatt.
Manchmal genügt ein klarer Kompass.
Denn wer weiss, wohin er unterwegs ist, kann seinen Weg viel bewusster gestalten.
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Wir laden dich herzlich zu unserem Live-Workshop zum Thema Lerngespräche ein.
Im Workshop „5 Schlüssel für Lerngespräche“ lernst du, wie du Lerngespräche klarer, tiefer und wirksamer führst, damit aus Gesprächen echte Entwicklungsschritte entstehen.
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Quellen
John Hattie – Visible Learning | https://www.routledge.com/Visible-Learning-The-Sequel-A-Synthesis-of-Over-2100-Meta-Analyses-Relating-to-Achievement/Hattie/p/book/9781032461267
