Standortgespräch ≠ Lerngespräch

Wo der Unterschied liegt und warum er für Schulen so wichtig ist

An unseren Schulen passiert heute schon so viel für unsere Schülerinnen und Schüler – und das ist gut so. Gleichzeitig bedeutet das für Lehrpersonen und Schulleitungen, sich stark einzubringen, präsent zu sein, Gespräche zu führen, Lernprozesse zu begleiten und unzählige Erwartungen zu erfüllen. Das kostet Energie. Viel Energie.

Darum ist es vollkommen verständlich, wenn Frust entsteht und Gedanken auftauchen wie:

„Wir machen doch schon Standortgespräche. Jetzt auch noch Lerngespräche?! Was sollen wir denn noch alles machen?“

Diese Frage ist berechtigt. Und sie zeigt vor allem eines:
Nicht Widerstand, sondern Überlastung – und den Wunsch nach Klarheit.

In diesem Blogbeitrag wollen wir dir deshalb eine klare Übersicht geben, was ein Standortgespräch tatsächlich ist, wofür es entwickelt wurde und warum es im Schulalltag eine wichtige, aber klar begrenzte Rolle spielt – und weshalb Lerngespräche eine absolut sinnvolle und wichtige Ergänzung zum Standortgespräch darstellen.

Lies jetzt weiter und wir beantworten dir die häufigsten Fragen, die uns bei Pädagogik+ regelmässig zum Thema Standortgespräche und Lerngespräche erreichen:

Was ist ein Standortgespräch – und wofür wird es gebraucht?

Das Schulische Standortgespräch (SSG) ist ein klar definiertes Verfahren, das in vielen Kantonen in der Schweiz verbindlich geregelt ist. Es dient dazu, die aktuelle Situation eines Kindes gemeinsam zu verstehen und zu klären, welche Unterstützung es braucht – besonders, wenn ein besonderer Förder- oder sonderpädagogischer Bedarf vermutet wird.

Im Zentrum steht die Frage: „Wo steht das Kind heute – und was folgt daraus?“

Weil das Standortgespräch ein offizielles Instrument ist, gibt es dafür klare Abläufe. Beobachtungen werden vorbereitet, die Beteiligten – Lehrpersonen, Eltern, Fachpersonen und teilweise das Kind – kommen zusammen, besprechen die Situation und vereinbaren konkrete Förderziele und Massnahmen. Viele Kantone stellen dafür standardisierte Formulare und Leitfäden zur Verfügung. Das Gespräch ist damit nicht nur ein Austausch, sondern ein verbindlicher Schritt im Förderprozess.

Was macht ein Standortgespräch – und was macht es nicht?

Ein Standortgespräch liefert Orientierung. Es schafft ein gemeinsames Verständnis, wie sich ein Kind entwickelt und welche Unterstützung sinnvoll ist. Diese Orientierung ist wichtig und unverzichtbar.

Doch das Format bleibt beim Status. Es beschreibt den Standort, nicht den Weg. Themen wie Motivation, Lernstrategien, Selbstreflexion oder die Beziehung zur Lehrperson spielen im SSG kaum eine Rolle. Nicht, weil sie unwichtig wären, sondern weil das Standortgespräch nicht dafür entwickelt wurde. Sein Auftrag liegt in der Einschätzung und Planung – nicht in der Begleitung des Lernens.

Genau hier entsteht im Schulalltag eine Lücke.

Warum reicht ein Standortgespräch allein nicht aus?

Lernen ist mehr als das Ergebnis eines Kompetenzrasters. Kinder brauchen Beziehung, Orientierung im Prozess, Rückhalt bei Schwierigkeiten und Raum, über das zu sprechen, was sie beschäftigt. Sie brauchen die Möglichkeit zu reflektieren, was sie gelernt haben, was ihnen leichtfällt, wo sie Mühe haben und welchen nächsten Schritt sie sich selbst zutrauen.
Diese Ebene entscheidet darüber, ob ein Kind sich weiterentwickelt. Und sie findet im Standortgespräch kaum Platz, weil das Format systemisch nicht dafür ausgelegt ist.

Was ist ein Lerngespräch – und warum ist es nicht schweizweit definiert?

Ein Lerngespräch ist ein dialogisches Gespräch zwischen Lehrperson und Kind, das den Lernprozess selbst ins Zentrum stellt. Es macht Lernen sichtbar und unterstützt Kinder darin, Verantwortung zu übernehmen und ihren Lernweg mitzugestalten. Beziehung, Motivation und Reflexion spielen dabei eine wichtige Rolle.

Anders als das Standortgespräch ist das Lerngespräch jedoch kein schweizweit einheitlich geregeltes Verfahren. Es gibt kein kantonales Pflichtformat, keine verbindlichen Richtlinien, keine festgelegten Abläufe und keine einheitliche Dokumentation. Schulen nutzen deshalb unterschiedliche Begriffe – Beziehungsgespräch, Lernprozessgespräch, Entwicklungsgespräch – und interpretieren das Format je nach Teamkultur und Erfahrung.

Genau diese fehlende Standardisierung erklärt, warum Lerngespräche an vielen Schulen Unsicherheiten auslösen. Der Nutzen ist klar, aber der Rahmen fehlt.

Warum kann ein Lerngespräch nicht einfach Teil eines Standortgesprächs sein?

Beide Gesprächsformen verfolgen unterschiedliche Ziele und brauchen unterschiedliche Haltungen.

Ein Standortgespräch klärt die Situation und legt Förderziele fest.
Ein Lerngespräch begleitet den Lernweg und stärkt die Selbstwirksamkeit des Kindes.

Wenn versucht wird, beides in einem Gespräch zu erledigen, entsteht Überforderung: Die Gespräche werden zu lang, der Fokus wechselt ständig, Eltern erwarten Orientierung, Kinder sollen gleichzeitig reflektieren, und Lehrpersonen fragen sich, ob sie nun über Aufträge sprechen sollen oder über Motivation. Am Ende bleibt oft das Gefühl, keinem Anspruch wirklich gerecht geworden zu sein.

Daher gilt: Ein Lerngespräch ersetzt kein Standortgespräch – und ein Standortgespräch ersetzt kein Lerngespräch.

Welche Missverständnisse entstehen in Schulen besonders häufig?

Die Rückmeldungen aus Schulen zeigen immer wieder ähnliche Muster.
Viele Teams erleben, dass der Begriff „Lerngespräch“ negativ besetzt ist, weil er ohne klare Anleitung eingeführt wurde. Die Beziehungsebene wird als wichtig erkannt, aber im Alltag bleibt wenig Orientierung, wie sie im Gespräch konkret umgesetzt werden kann. Lehrpersonen möchten Kinder beteiligen, wissen aber nicht, welche Fragen dazu geeignet sind. Eltern wiederum kennen die Unterschiede zwischen den Gesprächsformen nicht und erwarten von jedem Gespräch dieselbe Art von Rückmeldung.
Dieses Durcheinander entsteht nicht aus Nachlässigkeit. Es entsteht, weil ein verbindlicher Rahmen fehlt.

Wie lässt sich die Unterscheidung im Alltag einfach und wirksam treffen?

Eine einfache Formel schafft Klarheit:

Wenn Orientierung gebraucht wird, ist das Standortgespräch das richtige Format. Wenn Entwicklung begleitet werden soll, braucht es ein Lerngespräch.

Diese Unterscheidung hilft Lehrpersonen, die eigene Rolle klarer zu definieren und den Gesprächszweck transparenter zu kommunizieren. Sie hilft Kindern, den Sinn des Gesprächs zu verstehen. Und sie hilft Eltern, eine realistische Erwartung zu entwickeln, was im Gespräch passiert – und was nicht.

Was brauchen Lehrpersonen, damit Lerngespräche wirklich funktionieren?

Damit Lerngespräche nicht diffus bleiben, brauchen sie eine Struktur, die Sicherheit gibt. Dazu gehören klare Leitfäden, altersgerechte Fragen, kurze und entlastende Dokumentationen, eine gemeinsame Sprache für Reflexion und nachvollziehbare Abläufe. Lehrpersonen brauchen Werkzeuge, die ihnen helfen, Kinder aktiv einzubeziehen, Verantwortung zu teilen und Gespräche so zu führen, dass sie wirklich etwas bewirken.

Das ist der Punkt, an dem viele Schulen heute stehen: Sie wissen, dass sie solche Gespräche brauchen – aber ihnen fehlt die Struktur, um sie sicher und wirksam zu führen.

Fazit

Standortgespräche bieten Orientierung. Sie sind verbindlich, klar geregelt und schaffen ein gemeinsames Verständnis über den aktuellen Stand eines Kindes. Lerngespräche hingegen ermöglichen Entwicklung. Sie stärken Beziehung, Reflexion und Verantwortungsübernahme und füllen damit genau die Lücke, die das Standortgespräch systembedingt offenlässt.
Beide Formate sind wichtig – aber nur, wenn sie sauber voneinander getrennt werden. Diese Trennung entlastet Lehrpersonen, schafft Klarheit für Eltern und eröffnet Kindern die Möglichkeit, ihren Lernweg aktiver mitzugestalten.

Zwei Personen im Dialogplus bei einem Lerngespräch

Hier setzt Pädagogik+ an: mit klaren Strukturen, starken Werkzeugen und praxisnahen Methoden, die Gespräche einfacher und wirksamer machen. Wenn du sehen willst, wie wir Schulen dabei unterstützen, Lerngespräche sicher, klar und alltagsnah umzusetzen – dann lohnt sich ein Blick in unsere Workshops und Fortbildungen.

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